Im Handgepäck die Botschaft


Ursula Mich portraitiert Rainer Maria Schröder

Rainer Maria Schröder ist ein Mann mit vielen Neigungen. Er hat u.a. Gesang, später Jura und Theaterwissenschaften studiert und als Lokalreporter gejobt, bevor er Schriftsteller wurde. Kein Wunder, daß ihm ein einziger Name nicht genügt. Während er seine Jugendbücher unter seinem bürgerlichen Namen schreibt, ist er für seine erwachsenen Leser Ashley Carrington. Verfasser von Familiensagas und Gesellschaftsromanen. Unsere Autorin traf Schröder, der den größten Teil des Jahres in den Vereinigten Staaten lebt, während einer Mamut – Lesereise durch Deutschland.

Trotz 97 Lesungen in 47 deutschen Städten in nur neun Wochen, gekrönt vom strapaziösen Besuch der Frankfurter Buchmesse, macht Rainer Maria Schröder während des Gesprächs einen entspannten und gleichzeitig aktiven Eindruck: Ermüdungserscheinungen während der Lesereise würden durch engagierte Fragen seiner Zuhörer/innen aufgefangen. Lesungen seien zwar strapaziös, meint der Autor, aber natürlich sei es schön zu sehen, etwas bewegt zu haben und auch seinen Verlagen und dem Buchhandel für das Engagement zu danken. Wie Schröder das sagt, glaubt man ihm aufs Wort.

Rainer Maria Schröder und seine Frau leben den größten Teil des Jahres in Palm Coast, Florida, dort, wo das Lebensfrohe überwiegt, er "just Rainer" ist. Dort sei er keine Berühmtheit und müsse nicht dem Jahrmarkt der Eitelkeiten frönen. Will Schröder jedoch seine deutsche Fangemeinde treffen, muß er reisen.

Damit sind wir schon mittendrin in seiner Biographie, die sich genauso spannend anhört wie sich das Leben seiner Protagonisten/innen liest: 1951 geboren, war ihm das Schreiben schon früh ein Bedürfnis. Mit 13 Jahren verfaßte er Gedichte, Short Stories und Hörspiele. Seinen musischen Neigungen folgend, absolvierte er parallel zum Abitur eine dreijährige Ausbildung für Operngesang in den Fächern Tenor/Bariton. Nachdem er zwei Jahre bei der Luftwaffe war, arbeitete er als Lokalreporter für die Rheinische Post, diverse Zeitschriften und den Rundfunk. Gleichzeitig studierte er Jura sowie Fernseh-, Film- und Theaterwissenschaften in Köln und reichte mit 25 Jahren sein erstes Manuskript ein. Seit dieser Zeit lebt er als freier Schriftsteller.

Beeinflußt von Jack London, Friedrich Gerstäcker, Mark Twain und Joseph Conrad, die er bewundert, machte er sich zusammen mit seiner Frau im Wohnmobil zu einer Tour um die Welt auf. Beide bereisten u.a. die Everglades, den stürmischen Nordatlantik, die australische Wildnis und lebten als Hobbyfarmer in Virginia. Wichtiger als Geld und Sicherheit war beiden, ihren Traum vom einfachen Leben zu verwirklichen. Nur wenn man sich in Prüfungen kennenlernt, meint der überzeugte Christ Schröder, findet man zu sich. Diese Einstellung teilen die Hauptpersonen seiner Bücher mit dem Autor. Ob sie Abby, Felix, Jonathan oder Jakob heißen, alle müssen Prüfungen bestehen, bevor sie sich und die ersehnte Freiheit finden.

Rainer Maria Schröder ist überzeugt, daß ein Schriftsteller letztlich das schreiben kann, woran sein Herz hängt. Außerdem müsse der Autor sein Talent wie einen Rohdiamanten schleifen und formen. Schreiben sei ein Prozeß, der ausgeübt werden müsse wie ein Handwerk. Das versucht er, auf seinen Lesereisen zu vermitteln und auch, daß Erfolg immer hart erarbeitet werde. Seine Botschaft, daß der Sinn des Lebens durch Glaube, Hoffnung, Liebe und Toleranz zu finden sei, kommt an.Viele Briefe belegen das.

Rainer Maria Schröder schreibt, woran er glaubt. Dabei siedelt er Themen gern in der Vergangenheit an. Ohne Vergangenheit könne man Gegenwart und Zukunft nicht verstehen, sagt er. Und im übrigen konzentriert sich Schröder nicht nur auf die Jugendliteratur. Unter dem Pseudonym Ashley Carrington schreibt er für Droemer Knaur Familiensagas und Gesellschaftsromane.

Schröder findet seine Ideen – und er sprudelt nur so davon- während seiner Reisen. Oft sind geschichtliche Ereignisse Aufhänger für seine Romane. Bei dem im Frühjahr erscheinenden Jugendbuch Mein Feuer brennt im Land der Fallenden Wasser erzählt Rainer Maria Schröder z.B. die Lebensgeschichte der Mary Jemison, die von indianischen Shawaneekriegern verschleppt und an den Stamm der Seneca verkauft wurde, ein Ereignis, das historisch gut dokumentiert ist. Wie in seinen früheren Romanen ist das Thema nicht nur gründlich recherchiert, die Geschichte ist auch spannend erzählt und psychologisch einleuchtend.

Schröder ist in vielfacher Hinsicht ein Reisender. Gleichzeitig aber ist er auch ein Botschafter, der Verständnis nicht nur für andere Zeiten, sondern auch für andere Kulturen und Religionen vermittelt.

Aus: Bulletin Jugend & Literatur, Januarausgabe 1998